Charaktere der Siedlungsstraße
Der Rumäner (aus der Sicht von Detlef)
Jochen hatte es in seinem Artikel zur Siedlungsstraße 4 schon erwähnt:
"Der Rumänendeutsche mit dem unausprechlichen Namen".
Ich kann das Geheimnis seines Namens ein wenig lüften: Alexander Konelcziuk.
Ob der Nachname richtig geschrieben ist, ich glaub es nicht.
Zumindest hat er sich so angehört und meine Oma hat mir das so bestätigt.
Er wohnte bei uns in der Siedlungsstraße 8 im zweiten Stock rechts.
Ich kam immer an seiner Wohnungstür vorbei, wenn ich zu unserem Dachboden hinaufgegangen bin und man hat einen kurzen Blick in seine Wohnung geworfen, wenn er gerade rein- oder rausgegangen ist. Wie hat er da wohl gewohnt?
Irgendwie eine markante Persönlichkeit (heute würde man sagen: "Schon ein wenig strange.":
• Gold- oder Silberzähne
• Zahnlücke
• Oft mit Mütze/Hut unterwegs
• Oft auch eine Plastiktüte dabei
Wie alt war er eigentlich?
War er schon in Rente?
Von was hat gelebt (arbeiten ging er eigentlich nie)?
Fragen über Fragen ...
Und für die Insider: Ihm gehörte die linke der drei Holzlegen, die an der Wand zur Firma Stiegelbauer angebracht waren. Die mittlere war unsere und die rechte war von den Sirke's.
In den 80er Jahren hatte er dann mal einen weißen oder beigefarbenen Mercedes draußen herumstehen. Einen deutschen Führerschein hatte er nicht, angeblich nur einen rumänischen. Selbst gefahren ist er mit dem Gefährt nie. Er hatte sich mal mit mir unterhalten und meinte, wenn ich 18 werde und einen Führerschein habe, dann könnte ich mal mit dem Auto fahren und er würde als Beifahrer mitfahren. Oh je, hätte man sich das getraut? Ich hab darauf verzichtet!
Seine Schwester wohnte zuletzt in den Blöcken zwischen der katholischen Kirche und dem Bahnhofstunnel. Sie ist vor einigen Jahren gestorben.
Sein Neffe ist heute noch in Treuchtlingen.
Wenn ich mich richtig erinnere, hatte ich mit ihm Ende der 80er Jahre / Anfang der 90er Jahre das letzte Mal Kontakt. Wir saßen abends öfter auf der sog. "Gubi-Bank" (der abendliche Treff mit meinen damaligen Kumpels) und da ist er dann mit seiner Plastiktüte ab und zu vorbei gekommen, hat sich kurz dazu gesetzt und sich mit uns unterhalten. Er hat einem immer irgendwelche Dinge erzählt, deren Zusammenhänge man nicht immer so richtig verstanden hatte. Man nickte leicht mit dem Kopf und antwortete dann immer: "Achso. Ja, ja ... klar.".
Irgendwann in den 90er Jahren ist er dann gestorben.
Siedlungsstraße 4 - eine Welt für sich
Damals, in den 70ern des letzten Jahrhunderts - da war die Welt noch in Ordnung. Die Amerikaner sind jedes Jahr zum Verladen der Panzer und Jeeps an den Bahnhof nach Treuchtlingen gekommen, haben Maschinengewehre und anderes Kriegsmaterial gegen Coka Cola bei der einheimischen Judend eingetauscht. Und diejenigen, die noch zu klein waren um Coke zu kaufen, so wie ich und meine gleichaltrigen Freunde, bekamen Einmannpackungen und Kaugummis geschenkt, Erdnussbutter und getrocknete Kekse.
Das Papageivirtel war nicht weit, Kinder/Freunde jeden Alters waren vorhanden - einfach ein unbeschwertes Leben, eine schöne Kindheit. Den ganzen Tag wurde der Fuhrpark aus Kettcar, Fahrad mit Stützrädern, Bulldog - mit und ohne Anhänger - ausgefahren, gespielt, in der Hütte geschaukelt, getobt bis die kinderlosen Nachbarn ausstiegen und sich mit den mit der Erziehung beauftragten - meist die Omas - in die Haare bekamen. Da war dann was los, in der Siedlungsstraße, von oben bis unten.
Die Siedlungsstraße, eine kleine Nebenstraße mit 10 Hausnummern, aber damals (fast) die ganze Welt. Dennoch, nach über 30 Jahren tut man sich schwer, sich noch an die ganzen Namen und die Personen hinter den Namen zu erinnern. Geck, Rabus, Göbel, Viertel, Zollnhofer, Aischa, Pohl, Richter, Schimm, Kandler, Dürr, Seifert, Schübel, der Rumänendeutsche mit dem unaussprechlichen Namen, die Feigels, die Schreinerei von gegenüber, die bald stillgelegt wurde. Später der Zahnarzt, der sich nebenan das ganze Haus kaufte, in dem vorher etliche Familien und Freunde wohnten. Und um sich von der assozialen Nachbarschaft im Sozialbau abzugrenzen wurden die stinkigen Bahnschwellen die die Deutsche Bundesbahn damals ersetzte und zum Spottpreis verschacherte als Gartenzaun und Schutzwall verwendet. Es hat mehrere Sommer gedauert, bis der Gestank nachlies. Ich möchte garnicht wissen, mit was die alles behandelt waren - abgesehen von den Fäkalien, mit denen sie von den Bahnreisenden tagein tagaus behandelt wurden.
Dann kam die Einschulung mit dem obligatorischen Bild beim örtlichen Fotografen: Kind, Schultasche, Schultüte mit vielen Leckereien, dahinter eine Tafel mit der Aufschrift: Mein erster Schultag. Und mit der Zeit veränderte sich alles, denn nach und nach kamen alle in die Schule. Der Fuhrpark wurde nach und nach stillgelegt, die Schaukel in der Hütte nur noch in den Ferien ausgepackt, halt dann, wenn man bei der Oma war. Die Welt wurde zusehens größer, es kamen neue Freunde und Feinde dazu, aus der ganzen Stadt, aber dennoch, nachdem die Stützräder ab waren, konnte man dennoch alles recht schnell mit dem Fahrrad erreichen. Es drohte die Gesamtschule mit dem Flachdach, damals absolut hip: sowohl das Flachdach, als auch die Gesamtschule. Doch bis es soweit war und man die Grundschule hinter sich hatte wurde eine Kooperative Gesamtschule mit drei Schulzweigen unter einem Dach und später die Senefelder Schule daraus. Die alten Freund sahen sich nur noch während der Pausen und selbst dann sehr selten. Und irgendwann trägt es jeden in die weite (oder doch nicht so weite) Welt hinaus. Außer das Flachdach, das trug damals schon nicht war bereits zu meiner Schulzeit undicht...
Die Schule war besser als ihr Ruf - viel besser sogar! Die Weißenburger
werden euch platt machen war die Drohung, und sie zeigte Wirkung. Die
Treuchtlinger waren in fast allen belangen besser, bis auf wenige
Ausnahmen. Deutsch war ein wenig unser Schwachpunkt, oder war es einfach
nur unsere Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit? Wenn wir die Hausaufgaben
nicht gemacht hatten Standen wir dazu und kassierten ohne zu murren
unsere Strafe. Nicht gelernt? Kein Problem, wir erkämpften uns ehrlich
unsere, wenn auch schlechte Note. Auf die Idee zu sagen: "Ich konnte
gestern nicht lernen, ich musste schlafen" wären wir a) nie gekommen und
wir wären b) bei unseren Lehrern nie damit durchgekommen. Alter Schewde,
hätt's da geraucht!
Doch komisch, selbst - oder bereits - nach
10 Jahren freut man sich über die alten Schulkameraden, mit denen man
Abitur gemacht hat. Man trifft sich gerne und denkt an die Gute Alte
Zeit. Schwelgt in Erinnerungen an die Geschichten der Schulzeit,
überlegt, wie die Lehrer hießen - und spricht vielleicht als
Elternbeirat selbst zu Lehrern.
Wie groß ist dann erst die Freude, nach fast 30 Jahren - stellenweise durch Zufall, aber auch Eigeninitiative - wieder Kontak zu den Freunden von ganz Früher zu erhalten.
Astrid, Detlef, Holger, Isolde, Viola, Josef
Danke für Damals, in der Siedlungstraße, 197x